Aktuellesechtwert im Interview mit Thorsten Rosenstengel

4. Mai 2020by echtwert0

Thorsten Rosenstengel
Designer

 

Thorsten Rosenstengel ist Designer, gebürtiger Ostwestfale und ein wichtiger Netzwerkpartner von echtwert. Man trifft ihn oft im Laden, denn dort stehen nicht nur einige Möbel, die aus seiner Feder stammen, sondern auch sein Schreibtisch, an dem seine ausgezeichneten Entwürfe entstehen.  

 

EW: Thorsten, erzähl uns doch mal wer du bist, was du machst und was dich antreibt.

TR: Thorsten Rosenstengel, Berufung: Industriedesigner, selbstständig seit 2006 mit dem Designbüro byform in Bielefeld, 50 Jahre alt. Nach Aussage des Architekten Frank Lloyd Wright gibt es so viele Stile, wie es Menschen gibt. Mich treibt es als Industriedesigner enorm an, Stile zu finden, die mehr als zwei Menschen miteinander verbinden. Momentan freue ich mich sehr, diesem Antrieb bei echtwert und natürlich für byform nachgehen zu können.

EW: Wann entstand dein Faible für Möbel? Gab es einen Impuls?

TR: Als Kind war ich totaler Fan der Geschichte „Robbi, Tobbi und das Fliewatüüt“. Inzwischen ist mir klar, darin ist bereits alles enthalten: das Erfinden, das Konstruieren, das Verreisen und Freunde finden. Damals war es natürlich ein unbewusster Impuls. Später als ich dann nach meiner Lehre zum Holzmechaniker den Zivildienst antrat, kam die Liebe zum Möbel hinzu. Meine Aufgabe lag darin, jungen Menschen in einem Heim für verhaltensauffällige Jugendliche, bei der Ausbildung zum Tischler zu helfen. Möbel wurden nach eigenen Bauplänen gefertigt. Damit fing dann alles „bewusst“ an.

EW: Einige der Modal Concept Möbel, die bei echtwert zu finden sind, stammen aus deiner Feder. Was hat dich zum Sideboard Atelier inspiriert und wo lagen die Herausforderungen?

TR: Immanuel „immi“ Fallner, Geschäftsführer von Modal Concept, kam eines Tages mit diesen großartigen, neuen, dünnen und gebürsteten Aluminiumfronten auf uns (byform) zu. Diese Oberflächen in Kombination mit den schönen Farben waren sofort inspirierend. Bei der Überlegung daraus eine Anrichte zu gestalten, konnte es nur ein Ziel geben: die Oberflächen dürfen weder durch einen Griff, noch durch andere Dinge beinträchtig werden. Zudem sollte das filigrane Material in der Front sofort auffallen. Daher war es eine große und schöne Herausforderung für unser „Atelier“ eine clevere und neuartige „Grifflosoptik“ zu gestalten und den Blick auf die dünnen Seiten dabei hervorzuheben.

 

 

 

 

EW: Worin unterscheidet sich das Sideboard von einer klassischen Anrichte?

TR: Der Unterschied liegt in der Kombination der Materialien. Die Mischung der gebürsteten Aluminiumflächen mit hochwertigen Einlagen z.B. aus BOLON, schafft Unvergleichbarkeit. Kaum ein Hersteller in der Welt ist zudem in der Lage, Aluminium auf diesem hohen technischen Level und auf diese edle Weise zu verarbeiten und anzubieten. Wenn jemand, der die Atelier-Tür öffnet, dieses so erlebt, haben wir vieles richtig gemacht.

EW: Aluminium ist ein zentrales Material von Modal Concept. Was fasziniert dich daran besonders?

TR: Aluminium kennt nur eine Richtung – und zwar nach vorne. So wird es gepresst, so wird es bearbeitet. Eine Eigenschaft, die ich an diesem Material sehr schätze. Willst du es drehen, wird es auf viel Arten im Produktionsprozess sperrig – auch das gefällt mir.

EW: Was sind in deinen Augen die zukünftigen Designtrends?

TR: Da erwähne ich gerne nochmal den eingangs erwähnten Frank Lloyd Wright, jeder Mensch versucht seinen Stil zu finden und diesen zum Ausdruck zu bringen, dieser Trend zur Individualität verstärkt sich. Ist etwas nicht persönlich, kann es schnell beliebig und austauchbar werden.

EW: Vor welchen Herausforderungen steht Design heute?

TR: Design sollte darum nicht beliebig sein. Hat es keine Botschaft, ist es überflüssig. Trotzdem darf der Spaß an schönen und klug gestalteten Dingen nicht verloren gehen. Wenn es Design schafft, sich in dem Spannungsfeld zwischen Sinn und Freude gut zu positionieren wird es weiterhin wichtig für Menschen sein. Birkenstock ist derzeit ein Unternehmen, wo ich beides gut vereint sehe.

EW: Woran arbeitest du gerade?

TR: Zum Glück an vielen ganz unterschiedlichen Dingen. Kristina in Köln und ich hier in Bielefeld sind derzeit gefordert möglichst flexibel zu sein. Die derzeitige Gesamtsituation prüft unsere Vielseitigkeit und es ist ein Glück, dass wir über so viele Jahre schon zusammenarbeiten. So funktionieren komplizierte Projekte online und auf Zuruf. Es ist alles dabei – Küchenentwürfe, Gestaltung von Praxisschränken, Griffdesign und natürlich Überlegungen zu neuen Aluminiumprodukten!

EW: Wie würdest du deinen Stil beschreiben?

TR: Am liebsten wäre es mir, ich könnte mich als überzeugter Dienstleister komplett in der jeweiligen Aufgabe des Kunden auflösen und alles dem gewünschten Projekt unterordnen. Bei genauerer Betrachtung haben Kreative jedoch ihre eigene Art Projekte anzugehen und bringen ihre eigene Geschichte ein. Am Ende findet man diese wohl in Produkten wieder. Mir persönlich wäre Vielseitigkeit als Stil am liebsten.

EW: echtwert ist ein Ort für inspirierenden Austausch. Wer hat dich zuletzt inspiriert? Und womit?

TR: Lucius Burckhardt und Martin Schmitz haben mich während meines Studiums in Kassel auf die Spaziergangswissenschaft aufmerksam gemacht. Seitdem inspiriert es mich unterwegs zu sein, Einflüsse zu sammeln, Menschen und Natur zu beobachten. Darum der Versuch der Inspiration mit David Thoreau in seinem Buch „Vom Wandern“. In diesem Buch empfiehlt er die Ziellosigkeit beim Wandern, besonders in der näheren Umgebung. Auf die „Kleinen“, auf dem ersten Blick unbedeutenden Dinge hinter jeder Weggabelung sollen wir unsere Aufmerksamkeit lenken. Es war ein Versuch wert, ganz hat es bei mir nicht funktioniert.

 

 

 

EW: Du bist gebürtiger Ostwestfale. Was gefällt dir an der Region am besten und wie beeinflusst sie deine Kreativität?

TR: Mit zunehmendem Alter gefällt mir die ländlich geprägte, ostwestfälische Hügellandschaft immer besser. Die hohe Zersiedelung der Region stört mich allerdings sehr, interessanter Weise habe ich dieses schon so als Kind empfunden. Inspirierend finde ich den hohen Anteil an Tüftlern, Handwerkern und Selbstmachern. Man hat manchmal das Gefühl, hier bastelt jeder in seiner Garage, Scheune oder sonst wo an der nächsten Weltmarktführerschaft. Das kann schon mitreißen.

EW: Du bist Filmliebhaber! Welche zwei Streifen sollte man gesehen haben?

TR: Natürlich „2001: A Space Odyssey“ von Stanley Kubrick, ein Muss und einer meiner All-time-favorits! Für derzeit Krisengeplagte oder wenn es mal nicht so läuft: „Sideways“ von Alexander Payne aus dem Jahr 2004. Mehr kann auf schöne Weise nicht schief gehen!

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